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Donnerstag, 12 September 2019 09:03

Abkommandiert nach Griechenland

Das Zeugnis des Arztes Karl Golch
GOLCH
Dr. Karl Golch, Bataillonsarzt
[Foto: Generalstaatsarchiv/Enyo]
 
Die Tätigkeit der deutschen Ärzte im ottonischen Griechenland ist uns aus dienstlichen Berichten, Memoiren und Tagebüchern derselben, sowie aus Veröffentlichungen anderer über ihre Leistungen bekannt. Das diesbezügliche Material des Ottonischen Archivs in Athen ist reich; ein Teil davon, der den Arzt Karl Golch betrifft, wird hier vorgestellt. Die Namen aller abkommandierten sowie freiwilligen deutschen Ärzte, die im Archiv dokumentiert sind, werden am Ende des Artikels aufgeführt.
 
Karl Golch war einer der 15 Ärzte, welche die 3500 Soldaten des bayerischen Hilfskorps 1832-33 nach Griechenland begleiteten. Er blieb zwar nur eine kurze Zeit im Lande (Febr.-Dez. 1833), diente aber an vielen Orten und erlebte den harten ersten Kontakt der abkommandierten Soldaten mit der griechischen Realität, der auch von schweren Verlusten geprägt wurde. 
 
Nach seiner Rückkehr nach Deutschland stellte Golch ein Gesuch um die Verleihung des griechischen Erlöser-Ordens, der auch anderen Militärärzten für ihren Beitrag in Griechenland verliehen worden war. Das Gesuch Golchs, das in Nürnberg den 25.12.1837 geschrieben wurde, findet sich in seiner Personalakte im Ottonischen Archiv der königlichen Kanzlei in Athen. Was diesem Dokument ein besonderes Interesse verleiht, ist die 15-seitige Erzählung, die es als Beilage begleitet; darin schildert Golch die Widrigkeiten, mit denen sowohl er selbst als auch die Soldaten des 1. Linien Infanterie Bataillons, denen er in verschiedene Dislokationen -nach Patras, Messolonghi, Salona (Amfissa), Navarin, Methoni- folgte, konfrontiert waren.
 
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Landkarte der Versetzungen von K. Golch in Griechenland 
 
Während dieser Dislokationen waren der schädliche Einfluss des heißen Klimas, die hohe Sterblichkeitsrate der Soldaten und der totale Mangel an Medikamenten und Infrastruktur die Hauptprobleme, mit denen Golch umgehen musste. Die abenteuerliche Reise von Methoni nach Zakynthos zum Ankauf von Medikamenten, die er ausführlich und sehr lebhaft beschreibt, steht z.B. mit seinem Versuch, mit diesen Schwierigkeiten zurechtzukommen, in Zusammenhang. 
 
Golchs Erzählung ist durch gepflegte Einfachheit, manchmal auch durch literarische Stimmung, ein andermal durch Naivität gekennzeichnet; sie hat den Wert von einer Aussage aus erster Hand und die Lebendigkeit einer erlebten Erfahrung. Hauptziel der Darlegung ist zwar den Autor als einen dekorationswerten Menschen zu schildern, deswegen dürften wir aber das Erzählte nicht als übertrieben betrachten; die Ereignisse sind nämlich auch von anderen Quellen bekannt.
 
Es folgt der Text von Karl Golch. Die Trennung der Abschnitte existiert nicht im Original.
 
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Nauplia-Missolonghi
Beim Ausmarsche des nach Griechenland beorderten Bayerischen Truppenkorps im Jahre 1832 zu der combinierten Chevauxlegers-Division commandiert begleitete ich dieselbe mit einem zweiten Arzt bis zur Ankunft im Hafen von Nauplia, wo ich nebst einem Oberarzt den Spitaldienst übernehmen mußte, und war nach 14 Tagen, als die Dislocation der Truppen in die Provinzen begann, zu dem 1. Bataillon des 2. combinierten Infanterieregiments unter Commando des damaligen Obersten von Niekels beordert.
Das Bataillon marschierte nach Patras, von wo aus eine Division unter Commando des Majors Odelshausen nach Missolonghi detachiert wurde. Dieser mußte ich dahin folgen und erhielt gleich nach unserer Ankunft den Befehl, ein Spital zu etablieren, wozu wir zwar ein am Meer gelegenes Haus zur Disposition gestellt, übrigens aber keine Mittel geboten wurden. Die Not herrschte überall, jedoch gelang es mir bald, in Besitz der zur Krankenpflege und ärztlichen Behandlung nötigsten Bedürfnisse zu gelangen, und bereitete unter Mithilfe eines griechischen Pharmaceuten die mit Mühe zusammengelesenen Arzneikörper nach Bedarf.
 
Salona (Amfissa)
Kaum erfreute sich aber diese Anstalt eines geregelten Geschäftsganges, als uns der Mühe-Preis durch die Dislocation nach Salona entrißen und dafür eine neue Kette von Mühseligkeiten in Ausübung meiner Berufspflichten um mich geschlungen wurde. Diese Stadt ist fast bloße Ruine, viele Einwohner campieren obdachlos unter freiem Himmel, daher an Ermittelung eines Lokals für Kaserne und Spital nicht zu denken war. Die Soldaten wurden einzeln in die noch stehenden Erdhütten mit den Bewohnern zusammen verteilt und mußten auch im Erkrankungsfalle einzeln behandelt werden.

Der Mai nahete schon seinem Ende, und mit der eingetretenen großen Hitze, die durch die Lage der Stadt in einem tiefen Felsenkeßel und ferne vom Meere sich noch fühlbarer als anderswo machte, begannen auch die in diesem Klima bei Fremden gewöhnlich sich einstellenden Krankheiten -meist biliös-nervöser Natur- aufzutreten, von denen auch kein Mann der ganzen Division verschont wurde. Es erkrankten täglich 8-12 Mann, auch wurde unser Kommandant Major Odelshausen lebensgefährlich von einem nervös-gastrischen Fieber befallen und zur Heilung dieser vielen Kranken besaß ich keinen Gram Medizin. Auf eine deshalb an das Regiments-Kommando gemachte Meldung war erwidert, daß auch dort Mangel an Arzneien einzutreten beginne, und nach eingetroffener neuer Lieferung mir ein Teil zukommen würde.
 
Dodwell Amfissa
Town of Salona and Ruins of Amfissa.
Aus Dodwell, Edward: Views and Descriptions of Cyclopian or Pelasgic Remains in Greece and Italy
London, A. Richter 1834 [via travelogues.gr] 
 
Somit auf das Verbleiben in meiner fatalen Situation zurückgewiesen, begann ich, die Kramläden zu durchsuchen, wobei es mir auch wirklich glückte, einige Arzneikörper, und bei einer griechischen Familie, zu der ich eines Kranken wegen gerufen war, selbst eine kleine Hausapotheke zu finden, woran ich sogleich einen Teil käuflich an mich brachte. Diesem glücklichen Zufall hat namentlich Major Odelshausen, dessen Krankheit schon einen so hohen Grad erreicht hatte, daß der lethale Ausgang kaum mehr zu bezweifeln war, seine Wiedergenesung zu verdanken; denn durch die unverzügliche Darreichung einer daraus bereiteten Medizin trat fast augenblicklich eine Krisis ein, die man außerdem, und wahrscheinlich selbst nach einigen Minuten schon durch kein Mittel mehr herbeizuführen im Stande gewesen wäre.

In demselben Maße, als durch diese Acquisition die Lage der Kranken sich gebessert hatte, wurde mein Mühen auf eine der Gesundheit nachteilige Weise gesteigert, da ich bei der außerordentlichen Hitze, vor der sich selbst jeder Eingeborene bis zu Sonnenuntergang in den tiefsten Winkel seiner Hütte zurückzog, unter den sengenden Strahlen die nicht den mindesten Schatten bietende Stadt zu jener Stunde des Tags bergauf und ab durchsteigen mußte, um die Kranken zu besuchen, und ihnen die mühevoll von mir bereiteten Medikamente zuzubringen. Ich wurde dadurch 2 mal von einem Gallenfieber befallen, das mich jedoch nicht abhielt, meine nun um so beschwerlichen Wanderungen durch die weit ausgebreitete Stadt fortzusetzen.

Nach oft wiederholten dringenden Vorstellungen kam endlich die Bewilligung, eine alte Mosché zur Kaserne und ein dabei befindliches türkisches Bad zur Spitale einzurichten. Den Genuß dieser nach vielen Kämpfen mühsam errungenen Vorteile raubte jedoch schon nach wenigen Tagen abermals die dem Bataillone zugekommene Ordre, die französischen Besatzungen in den Festungen Navarin, Modon und Koron abzulösen.
 
Navarin-Modon [Methoni]
Mit diesem Marsch von Patras nach Navarin begann jene für das Bataillon so unheilvolle Periode, deren Not und Mühseligkeiten zu ertragen, wenigen die Kraft verliehen war. Die Hitze während dieses Marsches war fürchterlich, die Atmosphäre fast glühend, die Luft flimmerte vor den Augen, der Horizont war beständig in einer scheinbaren, den Meereswogen ähnlichen Bewegung und unter dem Einfluße dieser sengenden Sonne marschierte die Mannschaft 8 Tage lang mit voller Armatur täglich 7-12 Stunden, während in den Garnisonen unerhörte Diensteserleichterungen für nötig erachtet wurden, um die Soldaten vor den übeln Folgen dieses ungewohnten Klima möglichst zu schützen. Die vom Marsche, der Hitze und dem so übermäßigen Schweiß, daß selbst die Kleidungsstücke im Tornister davon durchnäßt wurden, erschöpften Soldaten ergriffen gierig jede Gelegenheit, sich ihre Qualen der äußersten Erhitzung und des brennendsten Durstes durch jedes zu Gebote stehende Mittel zu lindern. Die dagegen gemachten Vorstellungen waren fruchtlos und meistens von der Antwort gefolgt: lieber auf der Stelle sterben, als diese Marter länger ertragen zu wollen. Acht Tage lang brachten sie ihre vom Schweiß triefenden Kleidungsstücke nicht vom Leibe, campierten darin fast jede Nacht unter freiem Himmel, und setzten sich dabei noch dem der Gesundheit so nachteiligen Nachttaue aus. 
 
Die Folgen so vieler auf den Körper einstürmenden schädlichen Einflüße waren vorauszusehen und traten auch bald mit einer diesen Veranlassungen entsprechenden Vehemenz hervor. Bei der 1. Division, die schon durch das ungesunde Klima der Garnison Patras und die wiederholten, immer mit vielen Entbehrungen und Fatiguen verbundenen Streifzüge in die Gebirge sehr gelitten hatte, wurden schon während des Marsches einige Soldaten vom Nervenfieber befallen, denen sich nun ununterbrochen und mit jedem Tag sich mehrende neue Erkrankungsfälle anreihten. In wenigen Tagen schon hatte diese durch ihre außerordentlich rasche und tiefe Zerstörung aller Lebenskraft und den gänzlichen Verfall der organischen Maße sich auszeichnende Krankheit das Spital gefüllt. Ich hatte während meiner 6-monatlichen Spitalbehandlung der allgemeinen Erkrankung ungeachtet keinen Mann verloren, und hoffte schon, daß der Tribut, den mir als Fremde den Einflußen des Klima zu entrichten haben würden, unbedeutend sein werde; sah diese Hoffnung jedoch durch die vereinte Macht der unglückseligsten Verhältniße bald und mit Entsetzen schwinden.
 
Vor dem Ausmarsch aus den Garnisonen Salona und Patras hatten die beiden Divisionen den Befehl erhalten, im Militär-Spital letzteren Orts alle Medikamente, das Nötigste für den Marsch ausgenommen, so wie alle Spitalrequisite abzugeben, mit dem Bedeuten, daß wir in Navarin und Modon volkommen eingerichtete Spitäler von den Franzosen übernehmen würden. Unbegrenzt mußte daher unser Erstaunen sein, als uns bei dieser so furchtbar um sich greifenden Krankheit an Ort und Stelle der Befehl zukam, nichts zu übernehmen und daher auch außer den 4 leeren Wänden nichts zur Krankenpflege vorhanden war. Sämtliche Kranke der Divisionen in Navarin und Modon kamen in das Spital letzteren Orts. Die Zahl derselben belief sich in wenigen Tagen schon auf 60-70, die der täglichen Todesfälle auf 3-4.
 
Über diese entsetzliche Lage der Kranken war zwar sogleich an das Brigadekommando nach Nauplia berichtet, aber selbst eine mögliche augenblickliche Sendung wäre nicht früher eingetroffen, als bis die Mehrzahl der Unglücklichen schon dem Elend erlegen, und man war daher genötigt, die Franzosen, obwohl sie über die verweigerte Abnahme ihres Arzneivorrats aufgebracht waren, um Verabreichung der nötigen Medikamente anzugehen. 
 
Köllnberger Modon
L. Köllnberger, Gesamtansicht von Modon, 1834 
 
Am 21. August erhielte ich in Navarin den Befehl, mich nach Modon zu begeben, um im Spital mit dem dortigen Arzt die Behandlung der immer sich mehrenden Kranken zu teilen. Der uns verliehene unbedeutende Medikamentenvorrat ging jedoch wieder zu Ende und es handelte sich nun darum, auf das schnellste sich solche wieder zu verschaffen. Da aber die Quelle französischer Seits durch die bereits erfolgte Einschiffung versiegt war, stand uns keine Aussicht auf eine Acquisition mehr offen, als durch eine Reise nach der [unter englischer Herrschaft stehenden] Insel Zante [Zakynthos]. Diese Reise und das Geschäft des Einkaufens zu übernehmen, fand sich jedoch der allgemeinen Erkrankung und der Bekenntniß der Sache wegen niemand. Ich erbot mich daher, nicht beachtend mein eigenes Unwohlsein, dessen Zunahme durch mein jedesmaliges Erkranken zur See mit Gewißheit vorauszusehen war, selbst dazu, um von den vielen Unglücklichen den durch gänzliche Hilflosigkeit drohenden sicheren Untergang abzuwenden.
 
Navarin-Zakynthos
Ich begab mich so noch am 25. August, mit einem Dolmetscher nach Navarin, nahm daselbst die zum Einkaufe nötige Summe in Empfang, und wollte mich unverzüglich mit einem auf die Reise mir beigegebenen Gefreiten an Bord bringen lassen, als dem Kommandanten Major Odelshausen die Bezeige gemacht wurde, daß kein zu dieser Fahrt geeignetes Schiff vorhanden sei. Nach Verfluß einiger Stunden brachte jedoch der Dollmetscher die Nachricht, daß nur ein solches zur Disposition gestellt sei, wonach ich sogleich zur Abreise aufbrach. Welch ein Erstaunen und Befremden mußte mich aber befallen, als ich zu dieser Fahrt auf dem offenen Meere nur ein ganz gewöhnliches unbedecktes Boot erblickte, das vermutlich vor einigen Minuten noch am Spiegel eines der vor Anker gelegenen Kauffahrteischiffe aufgezogen hing, dessen Verwendbarkeit sich bloß auf die Kommunikation zwischen den großen Schiffen und dem Lande beschränkt, und zu dessen Bedienung 3 Matrosen bereitstunden, die mehr das Ansehen der qualifizierten Seeräuber als irgend ein anderes hatten, und deren Anzahl -nicht zu meiner Erbauung- durch 2 Gesellen derselben Sorte als Passagiere noch verstärkt wurde.
 
Mein erster Gedanke umfaßte die Möglichkeit, mit diesem Fahrzeuge in die offene See zu gehen; ich hatte noch niemand ein solches Wagnis unternehmen gesehen; dagegen kurz zuvor vom Umschlagen einiger größeren Schiffe gehört, deren Mannschaft größtenteils in den Wellen umkam und wobei selbst unser Bataillon einen Unteroffizier verlor, der nur eine Fahrt von einer Viertel Stunde zu machen hatte; dazu hatten bereits die Herbststürme begonnen, lauter Notias, sicher nicht geeignet, das evident Gefahrvolle eines solchen Unternehmens zu mindern, das in einem solchen ewig schaukelnden Fahrzeuge unausbleibliche Unwohlsein während der ganzen Reise gar nicht zu erwähnen. Im nächsten Augenblick aber stand mir wieder das im Spital zu Modon herrschende Elend vor Augen; ich bedachte, daß mancher der dortliegenden mit einiger graven Medizin gerettet werden könne, durch mein Rücktreten aber unfehlbar verloren sei, und alle Bedenklichkeiten um mich selbst waren dahin. Ich bestieg daher unverweilt das Boot, augenblicklich senkten sich die Ruder ins Meer und bald hatten wir Navarins Hafen hinter uns.
 
Charles Napier Hemy The Crew2
Charles Napier Hemy, The crew (1902)
[public domain]
 
Kontrairer Wind und für ein solches Schiffchen hinreichend hohe Wellen, um mich in weniger als 3 Minuten so seekrank zu machen, als ich es je war, empfingen uns nun und dauerten während unser 2-tägigen Fahrt unausgesetzt fort. Mein Unwohlsein stieg mit jedem Augenblick, ein unaufhörlich erfolgendes Gallenerbrechen ergriff mich so, daß ich mich bald nach einer Liegerstätte auf dem Kiel des Schiffes umsehen mußte. Aber nun entdeckte ich erst, in welch unseliger Lage ich mich  befand. Ich konnte nämlich nur Raum von höchstens 4 Fuß Länge und 3 Breite gewinnen und in diesem lag ich auf den bloßen Schiffsrippen 2 volle Tage zusammangerollt, wie ein Igel und nur zuweilen den Kopf in die Höhe hebend, um über Bord weg dem Meere seinen Tribut zu entrichten, oder um mein Geruchsorgan auf einige Augenblicke von dem Cloaquen-Gestanke zu befreien, der durch lange in diesem alten Fahrzeuge gestandenes und mit dem Teere in eine faulende Gärung eingegangenes Wasser zu einer so infernalen Qualität gedieh, daß das unaufhörliche Schwanken des Bootes in ihm den kräftigsten Succurs zu Culmination meines Unwohlseins erhielt. Der hinter mir am Steuer sitzende Matrose erbarmte sich endlich meiner, schob mir seinen kamelhaaren Mantel unter und schützte mich gegen das über Bord spritzende Wasser mit einem Stück eines alten Segels.
 
Am 3ten Tag Nachmittags 3 Uhr hatte ich wohl mein heißersehntes Ziel, den Hafen von Zante erreicht, fühlte mich aber so unwohl, daß ich ein mehrtägiges Daniederliegen befürchtete. Nach einiger Ruhe am Land konnte ich jedoch -nachdem ich 2 Tage keinen Bißen genoßen hatte- wieder einige Nahrung zu mir nehmen, und betrieb darauf meine Geschäfte so ungesäumt, daß ich am anderen Tag Abends 5 Uhr schon wieder zur Abreise bereit war. Im Besitz dieses ausgesuchten Vorrats der besten Arzneikörper hatte ich in dem schönen Zante, das so viele lang entbehrte Genüße bot, keine Ruhe mehr, der ich mich unter anderen Verhältnissen hier so gerne hingegeben hätte.
 
Zante square saint mark by joseph cartwrigt engravers robert havell snr and robert havell jnr published in london march 1821
Joseph Cartwright, Piazza of Saint Mark - Zante (1821)
[The Gennadeion - via Wikimedia Commons] 
 
Einige Hafenbeamte begleiteten mich an den Molo [Kai], fragten nach meinem Schiff, und warnten mich beim Erblicken dieses Boots insgesamt vor Ausführung meines Vorhabens. Ihrem gemeinsamen Rat, die Ankunft eines größeren nach Navarin oder Modon gehenden Schiffs abzuwarten, suchten sie besonders dadurch Eingang zu verschaffen, daß sie auf ein am nordöstlichen Horizont heraufziehendes Wetter und die hochgehende See aufmerksam machten. Die meine Seele mit Entsetzen erfüllende Erinnerung an die Hilflosen in Modon, deren Zuruf um Eile ich in dem immer hörbarer werdenden [...] zu vornehmen glaubte, bestimmte jedoch meinen Entschluß. Meine Matrosen hatten bereits die Medikamenten-Kiste an Bord gebracht, zwei der Größe des Schiffchens entsprechende Spitzsegel aufgezogen, ich bestieg dasselbe, obwohl noch schwindelnd von der kaum zurückgelegten Fahrt ohne Zeitverlust, und wie ein Vogel strich es bei schon eingetretener Dämmerung zum Hafen hinaus, während mein Herz bei dem Gedanken an die nun durch mich kommende Hilfe in Entzücken schwamm. 
 
Zakynthos-Modon [Methoni]
Diesem erhebenden Gefühle sollte ich mich jedoch nicht lange überlassen; denn mit jeder Minute Entfernung von der Küste, waren Wind und Wogen gewachsen; ein heftiger Windstoß kundigte den Ausbruch des näher gekommenen Wetters an und die Matrosen fanden nun für rätlich, ihren Kurs zu ändern, und gerade der griechischen Küste zuzusteuern. In demselben Augenblick aber, als das Schiff eine andere Richtung erhielt, und dadurch dessen Seiten den sich heranwälzenden Wogen entgegengestellt wurden, schlug auch schon eine der größten über dasselbe weg, und füllte es dem Umschlagen nahe, mit einemmal halb mit Wasser. Dies überzeugte mich, daß die bekannte Kühnheit der griechischen Matrosen, mit der sie auch hier das Schiffchen leiteten, keine Bürgschaft für unsere Sicherheit gab. Einem derselben entfielen, beim Befestigen eines Segels sich über Bord beugend, einige spanische Taler aus seiner Leibbinde in das Meer, und schimmerten der Tiefe zusinkend, noch lange herauf; für ihn und seine Kameraden eine schlimme Vorbedeutung, deren übler Einfluß auf sie von diesem Momente an durch ersichtliche Entmutigung sich bemerkbar machte. 
 
Unterdessen wurde unser Situation mit jedem Augenblick bedenklicher; die Nacht war hereingebrochen, das Meer gleich den hellblitzenden Wolken rabenschwarz, die brausenden Sturzwellen auf uns zu und an uns vorbei stürmend und ihre Höhe und Nähe nur noch durch ihre mit weißem Schaum bedeckte Spitzen während des Leuchtens der Blitze erkenntlich machend; unser Schiffchen dem Ungestüm derselben preisgegeben, und jeden Augenblick von ihnen erdrückt oder überschüttet und versenkt zu werden bedroht, der laute, mit den brausenden Wogen accordierende Wind durch die bekannten für Fahrzeuge selbst des ersten Langes so verderblichen Stöße die Gefahr noch erhöhend und unausgestzt den kalten Wellenschaum über unser obdachlosen Häupter hinfegend; dazu unsere Matrosen miteinander in tätlichem Streit und überdies noch die Ungeschicklichkeit oder Bosheit des Steuermanns, durch die sich abermals eine größere Welle über uns hinstürzte, gewährten uns wenige Aussicht auf ein glückliches Ende unserer so mißlichen Lage.
 
Napier Hemy Daybreak at Sea
Charles Napier Hemy, Daybreak at sea (1890)
[public domain] 
Modon
Einer grauenvoll durchlebten Nacht, deren Erinnerung meinem Gedächtniß ewig lebhaft bleiben wird und vor deren Gefahren uns die Vorsehung unserer Sendung wegen in Schütz genommen haben mußte, folgte jedoch ein ruhiger, windstiller Morgen, wodurch unsere Fahrt abermals verzögert wurde, und wir wieder erst nach einem 2 Tage lang unausgesetzt fortwährenden, in eigentlichen Sinn des Worts äußerst Ekel erregenden Hin- und Herschwanken gerade noch rechtzeitig vor Modon ankamen, um dem neuerdings sich erhebenden Wetter zu entgehen. Hier hatte während meiner Abwesenheit das herrschende Elend seine äußerste Höhe erreicht. Die Medikamenten waren gänzlich verbraucht, Nervenfieber und ebenso gefährliche Ruhren hatten das Spital überfüllt, die Zahl der täglichen Todesfälle hatte zugenommen, ein Offizier ging, da ihm wegen Medikamentenmangels nicht rechtzeitig Hilfe gebracht werden konnte, wahrhaft verschmachtend zu Grunde und der einzige Arzt der Division wurde ebenfalls vom Nervenfieber befallen. Die Last, die ihn danieder gedrückt, lag nun ebenso auf mir allein; ich übernahm 112 größtenteils tödlich Kranke in 3 durch die Effluvien der Ruhrescremente mit einem cadaverosen Gestanke verpesteten Räumen und bei der ersten Visite gewann ich die niederschlagende Überzeugung, daß viele derselben, denen der Tod schon am Kopfbrett saß, letztere nur als Leichen verlaßen würden. Meine bei so vielen gefährlich Kranken in den Sälen fast unausgesetzt in Anspruch genommen Gegenwart, die Notwendigkeit, selbst die Medikamenten mitzubereiten, und die Besuche bei den kranken Offizieren, bei meinem Kollegen in der Stadt, die ich wegen deren Verlaßenheit öfters wiederholen mußte, lassen erkennen, daß ich eine rastlose Tätigkeit zu entwickeln und selbst, um nicht nur die laufenden, sondern auch noch seit 2 Monaten rückständigen schriftlichen Arbeiten meines Koleegen zu fertigen, zu deren Einsendung ich nun dringend aufgefordert wurde, die Nächte den Anforderungen des Dienstes zu opfern genötigt war.
 
Diese anhaltenden körperliche und psychische Anstrengungen mußten aber die durch das gewaltsame Erbrechen während der letzten Seereise schon sehr angegriffene Gesundheit vollens untergraben. Ich erkrankte schwer unter Symptomen eines tief ergriffenen Nervensystems und konnte nur noch mit der äußersten Anstrengung meinen Geschäften nachgehen, bei jedem Schritt in Gefahr, vor gänzlicher Erschöpfung zusammenzusinken. Die herrschende rapide Sterblichkeit, das Schicksal meines in Lebensgefahr schwebenden Kollegen waren sicher gewichtige Motive, auf meine Selbsterhaltung besorgt zu sein, und hätte demnach damit beginnen sollen, die verpestete Atmosphäre der Krankensäle zu meiden und dem Körper die so dringend bedürftige Ruhe angedeihen zu lassen. Oberlieutenant Steinle, der ebenfalls durch das Einatmen dieses mit kontagiösen Effluvien imprägnierten Luft und seine unermüdete Tätigkeit in administrativer Beziehung, wodurch er sich allein schon der ihm allerlängst verliehenen Dekoration des Erlöser-Ordens würdig machte, erkrankte, konnte seine Geschäfte einem Anderen übertragen; diese so nötige Erholung konnte mir aber nicht zu Teil werden. Es wurde über die Unmöglichkeit, länger diese übermäßigen Anstrengungen aushalten zu können, durch das Regimentskommando an das Brigadekommando berichtet, und ich war mit Belobung meiner Dienstesleistungen gebeten, nur noch kurze Zeit auszudauern, nach welcher ein Arzt und Apotheker abgesendet würden, um mich eines Teils meiner Lasten zu entheben. Etwa 14 Tage später kam endlich mit den lang erwarteten Medikamenten der angekündigte Succurs; der Arzt aber erkrankte ebenfalls und konnte mich nur wenig unterstützen; der Apotheker dagegen erlitt periodische Anfälle von Geistesverwirrung, die auch ihn dann auf längere Zeit arbeitsunfähig, immer aber unverlässig machten, und somit blieb der größte Teil der Arbeit doch noch mir überlassen. 
 
Unterdessen war es jedoch meinem energischen Mühen gelungen, die Bösartigkeit der herrschenden Krankheiten zu milden und mit ihr war auch die perniciöse Atmosphäre in den Krankensälen verschwunden; besonders aber brachte der nunmehr georderte Geschäftsgang und die beendete Erledigung der Unmaße von Schreibereien Erleichterung. Einige Wochen später übergab ich einem Kollegen meine Patienten, größtenteils reconvalescenten, um das Spital in Koron zu übernehmen, welches aber bald danach in Folge der Ordre zur Einschiffung und Rückkehr ins Vaterland aufgelöst wurde.
 
Vor meiner Abreise kam der Chef sämmtlicher Ärzte der Brigade Stabsarzt Dr. Fleschütz nach Modon zur Inspection, wiederholte mündlich seine mir mehrmals zugeschickten schriftlichen Zufriedenheitsversicherungen und Belobungen um meine geleisteten Dienste [...]
 
♦♦♦
 
Golch kehrte im Dezember 1833 mit der Chevaux-Legers Division nach Deutschland zurück; es war der erste Teil des bayerischen Hilfskorps, der heimging. Das silberne Kreuz des Erlöser-Ordens wurde ihm 1838 verliehen.
 
parasimoDas silberne Kreuz des Erlöser-Ordens 
 
ANHANG I
 
Die abkommandierten Ärzte von 1832-33:
 
Thomas Fleschuetz
Franz Xaver Braun
Lorenz Haertl
Johann Doerflein
Joseph Stintzing
Leonhard Trier
Johann Heisler
Joseph Mahlmeister
Eduard Henne
Friedrich Stadelmeyer
Xaver Volk
Karl Golch
Friedrich Kühn
Joseph Waltenberg
Leopold Bauridl
Leonhard Bauer
Ambrosius Dosenberger
Johann Scherer
Robert Hummel
 
ANHANG II
 
Deutsche Ärzte, die im Ottonischen Archiv dokumentiert sind:
 
Altmann, Mathias
Brachmann, Nikolaus
Büttner, -
Curtius, Ludwig
Domeier, F.
Dotzauer, Friedrich
Erhard, Th.
Fraas, Nikolaus Karl
Golch, Karl
Hannitz/Heinitz, -
Hermani, G.
Hermann, Ludwig
Hormel, Friedrich Gottlob
Horsch, -
Huck, -
Imminger, Johann
Kessel von, Friedrich/Alexander
Kork, -
Lindermayer von, Antonius
Lodter, Jakob
Maier, M.
Michahelles, Georg Karl Wilhelm
Müller (Μίλλερ), Anton
Nettich/Nedig, Jakob
Ornstein, Bernhard
Petzendorfer, -
Quaglio, -
Reinhold, Karl
Roeser, Bernard
Rothlauf, Joseph
Schimpfle, Peter
Schuh/Schuch, -
Seiffert/Seuffert, Adam
Sorg, Karl
Thomann, -
Treiber, Heinrich Aloisius
Trier, -
Walz, Leonhard
Weißbrod, Maximilian
Weisse, Julius
Wibmer, Karl August
Wild/Wildt, Wilhelm
Zehler/Zeller, Freidrich/Wilhelm
Zibert, -
Zuccarini, Friedrich 
 
 
Quellen
 
Unveröffentlicht
 
Athen, Generalstaatsarchiv (GSA-CSA): Ottonisches Archiv der königlichen Kanzlei
 
Veröffentlicht
 
Joseph Schuster, Die Expedition des bayer. Hilfskorps nach Griechenland 1823-1835 in sanitätsgeschichtlicher Hinsicht, in: Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte 54 (1909) 3. Heft, S. 325-363.
 
Marion Maria Ruisinger, Das griechische Gesundheitswesen unter König Otto (1833-1862), Philhellenische Studien B. 5 (1997)


 
 
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