George Bissill, Industrial Coal Mine Scene
[Public domain, via Wikimedia Commons]
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Eine kleine Gesellschaft von deutschen Bergleuten lebte und arbeitete während zweieinhalb Jahrzehnte bei Kymi. Ihre dortige Anwesenheit ist sowohl mit dem ersten Versuch des griechischen Staates, die Kohlenlagerstätte von Ost-Euböa auszunutzen, als auch mit dem Wunsch der ottonischen Regierung, deutsche Handwerker in die griechische Gesellschaft zu integrieren, verbunden. Im Ottonischen Archiv sind Informationen erhalten, auf deren Basis bestimmte Aspekte des Lebens dieser Leute hier in groben Zügen beschrieben werden soll.
Ein Namenverzeichnis mit biographischen Angaben findet sich am Ende des Artikels.
Zitaten aus den archivalischen oder bibliographischen Quellen sind in Kursivschrift gehalten.
Der Anfang
In einem Berggebiet mit den schönsten Tannen, wilden Erdbeeren und Alpenveilchen, das die Königin Amalie mit Tirol verglich, in einem kleinen Tal ohne Aussicht, doch von gesunder Luft, um die drei Kilometer von Kymi entfernt, versuchten deutsche Soldaten unter dem Befehl des Hauptmanns Karl Fortenbach schon 1834 Kohle abzubauen; die Existenz des Gesteins war wohl schon früher bekannt, es war aber niemals verwertet worden.
Obwohl sich die Braunkohle, welche unter dem tüchtigen Hacken der Pioniere gefördert wurde, nicht von bester Qualität erwies, lehnte die Regierung die Vorschläge ausländischer Unternehmer (des Engländers Strong, der Franzosen Séguin und Feraldi) ab, das Bergwerk zu vermieten; es sei bestimmt, vom Staat betrieben und finanziert zu werden.
Die Personen
Im Fall 1836, als die vierjährige Dienstzeit der ersten deutschen Freiwilligen zu Ende war und sie nach Hause mussten, lief das Bergwerk Gefahr, ohne Personal zu bleiben. So wurde die Entscheidung getroffen, Kymi im Kolonisations-Projekt, d.h. die Ansiedlung deutscher Handwerker und Bauern in Griechenland, aufzunehmen, wie es schon auf Iraklion bei Athen und Tirynth bei Nauplion durchgeführt wurde. Beim Bergwerk sollte also eine deutsche Militärkolonie entstehen, deren Mitglieder sowohl Fachkenntnisse eines Bergmanns, Zimmerers oder Schmiedes, wie auch die Absicht haben mussten, nach ihrem Abschied in Griechenland zu verbleiben; diese Männer würden in der Folge junge Griechen für den zukünftigen Betrieb des Bergwerks ausbilden. Die Beweggründe dafür wäre 1) ein sicherer Arbeitsplatz, 2) Land, Hauptbedarf an Holz und Steinen, eine Unterstützung von 124 Drachmen sowie ein Darlehen von 400 Dr (mit 12% Zinsen) für den Bau eines Wohnhauses und 3) die Entlassung der Verheirateten aus dem Militärverband.
Die ersten, die sich bereit zur Niederlassung erklärten, waren achtzehn Männer aus den technischen Militärabteilungen (Pioniere, Grenadiere, Ouvriers). Vierzehn von ihnen hatten schon früher in Bergwerken ihrer Heimat gearbeitet, fünf waren sogar Söhne von Bergmännern. Außerdem gab es auch Schmiede, Steinhauer, Maurer, Brunnenmacher und Zimmerer. Über die Hälfte dieser Männer waren 32-42 Jahre alt, nur drei waren verheiratet. Von den ersten achtzehn Kandidaten wurden schließlich die folgenden angestellt: Christian Bauer, Augustin Brandner, Johann Adam Fix, Christian Friedrich, Heinrich Jung, Karl Gottlob Kaden, Johann König, Johann Krill und Otto Schiller. Außer diesen sind sechszehn weitere Deutsche im Bergwerk als ständiges oder zeitweiliges Personal tätig gewesen.
Bis 1843 erscheint in den Besoldungslisten des Bergwerks eine Kerngruppe von 6-8 deutschen Kolonisten, sowie mehrere kurzfristig beschäftigte deutsche und griechische Arbeiter; ihre Zahl hing von der Nachfrage nach Kohle und von der Finanzierungsmöglichkeit des Staates ab. Nach den Ereignissen von 1843 nahm die Zahl der nicht-griechischen Arbeiter ab; seitdem gehörten zum Personal 5-6 Deutsche, die schon 1838 die griechische Staatsangehörigkeit erworben hatten. Die Bayern mit dem längsten Aufenthalt beim Bergwerk waren die Hauer Johann Adam Fix (1835-51) und Johann Krill (1838-1859), der Haldensteiger, Zimmerer und Hauer Benjamin Wourlisch (1838-1859), der Schmied Johann Kreß (1837-52) und der Zimmerer Karl Gottlob Kaden (1835-1844).
Familienverhältnisse
Der Familienstand der Ansiedler war von Anfang an von großer Bedeutung für die Regierung, welche die Niederlassung verheirateter Einwanderer vorzog und die Ehen zwischen Deutschen und Griechinnen förderte. Der griechische Kriegsminister Christian von Schmaltz legt im folgenden Bericht (Juni 1837) seine Argumente über das Thema dar:
Wenn man gleich schon seit längerer Zeit bemüht war, junge Eingeborene mit den bergmännischen Arbeiten bekannt zu machen, um dieselben zu tüchtigen Ersatzmännern für die nach und nach abgehenden Deutschen heranzubilden, so wird es doch nicht möglich sein, schon jetzt mit dieser Ergänzungs-Mannschaft allein fortzuarbeiten, und es bedarf fortwährend einiger Deutscher als Vorarbeiter, Grubenzimmerer, etc.
Da die beim Bergbau verwendeten deutschen Soldaten aber nunmehr in kurzer Zeit ausdienen, und keine Lust haben, als Soldat noch länger zu bleiben, während die größere Anzahl als Bergknappen sich ansäßig zu machen wünscht, so dürfte es gewiß zweckmäßig erscheinen, diejenigen Arbeiter, welche für den Fortbetrieb des Werkes erforderlich sind, baldmöglichst zu stellen, und zu unterstützen, daß dieselben dem Land gewonnen werden, und mit dem bisherigen Eifer dem Wohle des Werkes sich widmen, was unbezweifelt dadurch am leichtesten geschehen würde, wenn ihre häusliche Niederlassung und Verehelichung befördert, und sie dadurch an die Scholle gebunden werden. [...]
Die Eingeborenen, welche aus dem Grunde ihre Töchter ungern an Deutsche geben, weil sie befürchten, der Mann möchte als Soldat seiner Familie entrissen werden, und dann nicht mehr zurückkehren, werden geneigter, wenn sie sehen, daß die Fremden sich häuslich einbauen, durch Grundeigentum gefeßelt und durch die Fürsorge des Staates dem Land erhalten sind. [...]
Die den obigen Bericht betreffende kgl. Verordnung (1836) lautete also: Sobald sich einer von den Militärs häuslich niedergelassen, d.h. verehelicht hat, soll er aus dem Militärverband entlassen werden. Im Fall der Bergleute bedeutete das, dass derselbe außer seinem Dienste beim Bergwerk keine andere militärischen Pflichten hat, als wie solche für den Sicherheitsdienst des Bergwerks selbst und für die Bergknappen im Allgemeinen vorgeschrieben werden.
Trotz der Bereitwilligkeit der Regierung, die Mischehen zu unterstützen, blieb der Anteil gering, wobei auch die negative Haltung der griechischen Kirche eine Rolle spielte. Während zehn von den fünfzehn ledigen Kandidaten für die Einreihung in die Kolonie (1836) beabsichteten, sich mit einer Griechin zu verehelichen, ist unter den kymeischen Kolonisten nur eine deutsch-griechische Ehe dokumentiert, die des Gottlob Kretschmar mit Garyfallia Kokkari.
Niederlassung
Als Wohnhaus für die Neuangekommenen diente am Anfang die neuerbaute Kaserne, auf dem Gipfel eines windgepeitschten Berges. In dieser prachtvollen Einöde, wo man den Eindruck bekam, daß man weit entfernt vom Rest der Welt sei, überlies die Gemeinde Kastrovala, der das Bergwerksgebiet gehörte, Land zum Bau von Privatwohnungen für die neuen Nachbarn (1837). Dieses Land, 20 Ar für jeden Kolonisten, wurde bis dann als Weide genutzt; es war unbebaut und felsig, aber mit ausreichend Wasser. In der folgenden topographischen Zeichnung sind die Linierung der Bauplätze sowie die Namen der ersten Besitzer erkennbar (Koenig, Kaden, Kretschmar, Jung, Krill, Scheibe, Wourlisch).
[Foto: Generalstaatsarchiv/Enyo]
Die neuen Wohnungen, jede mit einem kleinen Garten, waren Anfang 1843 acht und gehörten Wourlisch, Kretschmar, Kaden und Schiller, Kreß und Krill, Fix und Ries (die sechs letzteren vereinten je zwei); die Gärten waren mit Gemüse und Obstbäumen bepflanzt und im Stall jedes Haushalts wurden 3-4 Ziegen gehalten. Über Plan und Größe der Wohnung entschied der Eigentümer; aus den erhaltenen Beschreibungen der Häuser vom Bergoffiziant Schiller und Schichtmeister Kretschmar ergibt sich, dass es sich um steinerne zweistöckige Gebäude mit Lager und Stall unten und Wohnzimmern oben handelte.
Zweierlei Probleme waren mit diesen vielersehnten Immobilien verbunden und haben lange Zeit ihren Eigentümer Sorgen gemacht:
1. Die Kosten. Da das staatliche Darlehen von 400 Dr nicht immer für die Vollendung des Baus reichte, mussten die Eigentümer ein zweites Darlehen aus der Knappschaftskasse bekommen und das Haus mit einer Hypotheke belasten oder ihre gesamten Ersparnisse dafür ausgeben. In zwei Fällen führte die Tilgungsunfähigkeit zu Zwangshypothek und Versteigerung der Häuser.
2. Das Eigentumsrecht. Nach der Tilgung des Darlehens hatten die Kolonisten das gesetzliche Recht, Eigentumstitel zu bekommen. Aber die Gemeinde Kotylea, die das Land so gefällig geboten hatte, zeigte sich für die Anerkennung der Eigentumstitel nicht ähnlich großzügig. Die Sache wurde nach einer neunjährigen Periode von Verhandlungen zwischen der Gemeinde, dem Bergwerk, den Finanz- und Kriegsministerien erledigt, als die Gemeinde Kotylea nolens volens gezwungen wurde, die nötigen Eigentumstitel für die deutschen Bergleute auszustellen (1852).
Der Kolonist, der die Kolonie verlassen wollte, war berechtigt, seine Immobilie zu verkaufen oder zu vermieten, aber nur einem anderen Kolonisten (wie Brandner an Fix 1840) oder dem Staat (z.B. als Büro, Lager, Werkstatt).
Arbeitsalltag
Die Vorschriften für das Kohlenbergwerk, herausgegeben vom Zeughaus 1838, vermitteln ein gutes Bild über den Alltag und die Organisation der Kolonie.
Jeden Morgen eine halbe Stunde vor Beginn der Arbeit wurde eine auf dem Verwaltungshaus angebrachte Glocke geläutet. Die Bergleute versammelten sich einige Minute vor der bestimmten Stunde auf der Halde, wo der Untersteiger, der die Aufsicht in der Grube hatte, den Tagesplan vortrug. Die Knappschaft schloss danach einen Kreis und es wurde eine gewöhnliche Andacht gehalten, denn die Gottesfurcht sollte der Bergknappe sich stets vor Augen halten (allerdings ist die erste und heiligste Pflicht des Bergmanns Treue und Gehorsam gegen den Monarchen und Aufbietung aller seiner Kräfte für das Wohl des Bergwerkes).
Sobald die Morgenandacht beendet war, begaben sich alle an die Arbeit. Die Hauer und der Untersteiger bauten die Kohlen in der Grube ab, der Schmied fertigte oder reparierte die Werkzeuge in seiner Werkstatt, der Fuhrmann war für die Last- und Zugtiere des Bergwerks zuständig, der Zimmermann wurde in und außerhalb der Grube verwendet. Zum Bergpersonal gehörten auch der Haldensteiger, der die besondere Aufsicht über alle außerhalb der Grube liegenden Objekte hatte, der für die Instandhaltung des Fahrweges verantwortliche Wegwärter, der Magazins-Aufseher, der Bergarzt, der Schichtmeister, der alle Rechnungsgegenstände besorgte, und der Bergoffiziant, dem die technische Leitung übertragen war.
Manchmal übernahm ein Angestellter mehrere Pflichten, wenn es die Arbeitsbelastung erlaubte; so könnte z.B. der Bergoffiziant auch Schichtmeister, der Haldensteiger auch Magazinaufseher, der Zimmerer auch Hauer sein.
Die Uniform der Bergleute bestand aus dem einfachen schwarzen Berghemd mit gelben Knöpfen und einer Schirmmütze mit dem bergmännischen Emblem (Schlägel und Eisen). Von den Grubenleuten wurden dazu das gebräuchliche Bergleder, Stiefel und Lederhosen zum Schutz vor Wasser, von den übrigen ein breiter schwarzlederner Gürtel getragen. Diese Kleidung, die von der Montur-Kommission zu Nauplion gefertigt wurde, hatte jeder Bergknappe aus eigenen Mitteln binnen sechs Monaten anzuschaffen.
Des Bergmanns Gruß war Glück auf! Der Bergknappe musste alle Vorgesetzten mit Herr und Sie anreden und von ihnen mit Sie angesprochen werden.
Im Sommer dauerte die Frühschicht von 5 bis 11 Uhr und die Mittagsschicht von 12 bis 16 Uhr. Im Winter von 7 bis 12 und von 13 bis 17 Uhr. Wurde bei Nacht gearbeitet, so geschah dies in achtstündigen Schichten. Normalerweise galt die Sechstagewoche.
Die Hauer bauten die Kohlen unter dem Licht von Öllampen ab, mit den traditionellen Werkzeugen und ohne Maschine. Das Gestein wurde mit einem Wagen aus der Grube transportiert, der auf viereckigen Tannen- oder Eichenstämme lief; danach wurde die Kohle von den unbrennbaren Materialien gereinigt und gelagert, bis sie von Pferden und Maultieren innerhalb von zwei Stunden zum Hafen gebracht und von dort auf dem Schiff geladen, nach Athen, Nauplion, Syros und manchmal Alexandrien, auf Bestellung des dortigen griechischen Konsulats, geschickt wurde.
Der erste Stollen, genannt Ottos, wurde horizontal geöffnet und erreichte 1843 eine Länge von 200 m; er wurde 1852 erschöpft. 1850 wurde der zweite Stollen, der Heiligen Anna, geöffnet, mit schönsten Braunkohlen, der 1851 64m lang war. Eine dritte Anlegung war 1854 geplant.
Ottos Stollen heute[Foto © Gemeinde Kymi]
Unglücksfälle, Gefahren, Räubereien
Die Gefährlichkeit des bergmännischen Berufs wurde auch in Kymi dadurch bestätigt, dass drei Arbeiter im Bergwerk ums Leben kamen.
Heinrich Jung: Am 24. Mai 1838 vormittags 9 Uhr wurde er im Bau des Pfeilers III von einer heruntergebrochenen Kohlenbank erschlagen. Er war 27 Jahre alt, der erste Ansiedler zu Kymi, ein erfahrener Bergmann mit ausgezeichnetem Leumund.
Jakob Dhombruch: Die genauen Todesumstände gehen aus den Quellen nicht hervor. Auf der Sterbeurkunde steht nur, dass er 56 Jahre alt war, als Kohlenputzer arbeitete und am 24.6.1839 im Bergwerk starb.
N. Andriotis: Ein in dem südlichen Felde der alten Grube getriebener Querschlag ist am 25.10.1839 Abends um 4 Uhr zu Bruche gegangen, hat den Karrenläufer N. Andriotis erschlagen und den Vorhauer Johann Krill an der linken Schulter und Fuß leicht beschädigt. Andriotis starb kurz danach.
Außer der Gefahr, von Stürzen erschlagen zu werden, mussten die Hauer auch mit der Schädigung ihrer Gesundheit durch die Feuchtigkeit, den Staub und die krumme Körperhaltung rechnen; deswegen waren Asthma, Lungenerkrankungen und Rheuma die Krankheiten, unter denen die Grubenarbeiter am meisten litten.
Die körperliche Erschöpfung war oft mit der seelischen verknüpft. Der Schmied Kreß, der auch in der Grube als Zimmerergehilfe beschäftigt war, wurde nach zwölf Dienstjahren von Angst ergriffen, dass er in der Grube stürbe. Belehrung, Zurechtweisung, sogar siebentägige Inhaftierung konnten ihn nicht heilen; von da an arbeitete er lieber als Lehrling zum Kohlenputzen, sei es auch mit niedrigerem Lohn. Der Zimmerer und Hauer Wourlisch, ein Familienvater, blieb nach sechsjährigem Dienst lieber im Gefängnis als in der Grube. Beide wurden viel später pensioniert.
Die unzähligen Räuber waren auch eine ständige Bedrohung. Außer der Bergwerkskasse fiel ihnen 1845 auch die Familie Wourlischs zum Opfer. Zwölf Räuber drangen in sein Haus ein, misshandelten denselben, seine Frau und seinen Schwiegervater Franz Gumpertz und haben ihr ganzes Vermögen, Geld und Ausstattung, auch noch ihre Kleidung weggenommen; schon finden sie sich, als Ausländer all ihres Eigentums beraubt, in einer erbärmlichen und bedauernswerten Lage ... (aus dem Bericht des Bergoffizianten Kritzoutas).
Der Tod des Adam Fix wurde trotz seiner Merkwürdigkeit auch als ein Räuberakt registriert. Fix wurde im Mai 1851 tot in Marousi bei Athen aufgefunden. Der Gendarm, der zu dem Ort eilte, fand auf der Leiche Geld und eine Uhr; daneben zwei Kisten, deren Inhalt in der Nähe weggeworfen war, einen Regenschirm und eine kleine Axt. Die Sache blieb unaufklärbar, der Gendarm wurde für seine Ehrlichkeit belohnt.
Finanzen
Das Einkommen der Bergleute hing im Allgemeinen von den Einnahmen des Bergwerks ab. Da es sich also aus der jährlichen Buchprüfung ergab, dass die Ausgaben die Einnahmen immer überschritten, war die Gehaltserhöhung eher unmöglich; zusätzlich versuchte man, die Ausgaben durch Streichung von Arbeitsplätzen und Änderung der Lohnzahlung zu verringern.
Bis 1839 wurden alle Bergleute nach den Vorschriften monatlich bezahlt. Danach erhielten nur der Bergoffiziant, der Schichtmeister, der Haldensteiger, der Schmied und der Magazinaufseher einen monatlichen Lohn; dagegen wurden der Zimmerer, die Hauer und die Lehrlinge nunmehr entweder als Taglöhner oder als Akkordarbeiter bezahlt. Der Bergoffiziant Schiller begründet diese Änderung folgenderweise (2.2.1841): Der Grund für die Umwandlung der Löhnung des Arbeits-Personals von Monatsraten in Schichtlohn war hauptsächlich, daß oft demselben Arbeiter für verschiedene Arbeiten und unter Berücksichtigung der abwaltenden Verhältnisse verschiedener Lohn gebührt, so wie, daß auch ein Arbeiter, der nicht eingestellt ist, nach seinen wirklichen Leistungen bezahlt werden müße.
Diese offensichtlich gerechte Änderung ging aber schließlich zu Ungunsten der am schwersten Arbeitenden, nämlich der Grubenarbeiter. Ein Beispiel: Der gewöhnliche Monatslohn eines Hauers 1. Klasse war 60 Dr (anfänglich als Monatsgehalt, dann als Tageslohn von 2,5 Dr für 24 Arbeitstage pro Monat oder als Stundenlohn von 0,25 Dr für 60 Arbeitsstunden pro Monat). Das galt aber nur unter normalen Betriebsbedingungen des Bergwerks, d.h. wenn die Kohle auf Nachfrage stieß. Wenn das aber nicht der Fall war, wurde der Betrieb eingestellt, und folglich wurden auch die Tagelöhne (aber nicht die Monatsgehälter) beschnitten. Wenn länger als eine Woche nicht gearbeitet wurde, erhielten die Arbeiter ein Wartegeld (z.B. der Bergknappe 1. Klasse 1 Dr täglich).
Es stellt sich nun die Frage, welche Lebensbedingungen ein solches Einkommen gewährleisten konnte. Wenn wir berücksichtigen, dass
- die Oka (1,2 kg) ordinäres Brot in Kymi (1839) 0,40 Dr kostete, und zwar mit Aufwärtstendenz, weil in der Region kein Getreide, das von fern kam, sondern nur Olivenbäume und Weinreben angebaut wurden,
- monatlich 10 Dr für das Hausdarlehen abgezogen wurden (wenigstens in den ersten 5-6- Jahren),
- 5% des monatlichen Gehaltes in die Knappschaftskasse floss,
dann musste ein Viertel oder mehr des Gehaltes nur für Brot ausgegeben werden und es blieb ca. die Hälfte für die festen Kosten eines Haushalts. Noch schlimmer war es bei
- Einstellung des Betriebs,
- Krankheitstagen,
- vielköpfigen Familien.
Der Bergoffiziant Schiller stellte 1840 die Kostenrechnung des monatlichen Unterhalts eines Bergknappen 2. Klasse mit 45 Dr Gehalt für sich allein auf:
- Knappschaftskasse 5% seines Lohns 2,25 Dr
- Stempelbogen zur Besoldungsquittung 0,25 Dr
- Lebensmittel 30 Dr
- Kleidung, Wäsche, etc 10 Dr
- Licht, Tabak, Kleinigkeiten 5 Dr
Summe 47,50 Dr (ohne Berechnung des Abzugs fürs Darlehen).
Es verwundert kaum, dass fast alle Kolonisten ein zweites Darlehen aufnahmen, um ihre finanziellen Bedürfnisse zu decken. Im Februar 1841 erbaten die Hauer Bauer und Krill wegen Teuerung der Lebensmittel in zwölfstündigen Schichten zu arbeiten; und alle reagierten gegen die Auferlegung einer Steuer (10%) für ihre Gärten und 28 Ziegen (1842). Eine Erhöhung ihres Lohns bekamen erst 1847 nur die Grubenarbeiter Wourlisch, Kreß, Krill und Mitrou.
Es erhebt sich die Frage, warum eigentlich ein deutscher Bergmann seine Heimat verließ, um dieselbe Tätigkeit in Griechenland auszuüben, bloß um zu überleben. Das geschah, weil sein Lohn in Griechenland tatsächlich höher als jener in Deutschland war, und außerdem war die freie Wohnung ein weiterer Beweggrung. Diese Leistungen mochten die deutschen Einwanderer theoretisch als privilegierte griechische Bürger kennzeichnen, in der Tat war es aber nicht so.
Henry Moore, At the Coal Face (1942)[Public domain, via Wikimedia commons]
Pensionierung
Verunglückte im Dienst des Bergwerks und Arbeitsunfähige durch Alter oder Krankheit erhielten Pension aus der Knappschftskasse, um 10 Dr monatlich. Da aber diese Summe kaum für die Lebensbedürfnisse des Rentners, und insbesondere eines Familienvaters, ausreichte, musste derselbe weiterhin als Taglöhner arbeiten. Der Knappe Adam Fix z.B., mit Frau und vier unmündigen Kinder, wurde 1844 wegen seines Alters (47) und seiner Schwäche mit 15 Dr pensioniert. Fünf Drachmen wurden ihm zusätzlich gegeben, als er sich bei Otto und Amalie beschwerte, die damals das Bergwerk besuchten. Dennoch übernahm er bis zu seinem Tod leichte Aufgaben in der Zeche.
Die Witwen wurden mit 8-10 Dr und jedes unmündige Kind mit 5 Dr bis zu seinem vierzehnten Lebensjahr pensioniert. Wenn eine Witwe eine zweite Ehe einging, verlor sie ihre Pension, sowie die ihrer Kinder; stattdessen erhielt sie eine Dotierung von 100 Dr aus der Knappschftskasse. Ihre Pension hörte auch auf, wenn sie sich nach dem Tod ihres Mannes wieder schwängern ließ (die ehelichen Kinder bekamen ihre Pension weiter).
Frauen und Kinder
Über die Frauen der Kolonie sind die erhaltenen Informationen spärlich. Sie waren die Frauen und Töchter der Bergmänner, die -wie schon gesagt- bis auf eine Griechin alle Deutsche waren. Bei Kymi lebten also für eine längere oder kürzere Zeit die folgenden Frauen:
Maria Dhombruch aus Geinsheim, Tochter des Einwanderers Jakob Dhombruch und der Anna Maria Schroll. Maria heiratete 1838 den Knappen Johann Krill. Am 13.12 1838 wurde ihre Tochter Sophia geboren, es folgten Zacharou und Katerina.
Sophia Dhombruch, zweite Tochter Jakob Dhombruchs. Sie war mit dem Knappen H.Jung verlobt (Protokoll 20.2.1838). Nach dem Unglücksfall, der Jung das Leben kostete, bat sie um Überlassung seines Grundstücks an sie; die Gemeinde hat auf gestellte Anfrage erklärt, daß wenn die Bittstellerin hier bleibe, ihr auch das Grundstück als Eigentum gehöre, da dieselbe durch den Tod des Jung in eine sehr drückende Lage versetzt ist.
Maria Henriette Karolina Gumpertz von Gusten lebte in Kymi mit ihrem Vater Franz Gumpertz und ihrem Bruder. 1841 heiratete sie den Haldensteiger, Knappen und Zimmerer Benjamin Wourlisch. Ihre Kinder waren (1859) Alexander, Victor und Malchen.
Garyfallia Kokkari, Tochter des Demetrios Kokkaris aus Euböa; 1819 auf Hydra getauft. 1838 heiratete sie den Schichtmeister Gottlob Kretschmar. Da Kretschmar nicht im Dienst ablebte und als Offizier kein Geld in die Knappschaftskasse zahlte, hatte sie nach seinem Tod keinen Anspruch auf Pension. Sie sollte durch ihre Handwerke in einer elendhaften Lage leben, mit zwei minderjährigen Kindern und bedroht von der Gefahr, ihr Haus wegen Schulden an die Knappschaftskasse zu verlieren.
Julia Langenberg aus Zellerfeld-Hannover fuhr 1842 als Ehefrau des Bergoffizianten Otto Schiller nach Griechenland. 1844 wurde Schillers Mobiliarvermögen wegen Schulden an die Knappschaftskasse versteigert. Er beschwerte sich, weil die versteigerten Gegenstände zur Mitgift seiner Frau gehörten; aus diesen Anlass erfahren wir, dass die Mitgift unter anderem fünf Gemälde, eine Uhr, einen Spiegel, silberne Bestecke und ein Pianoforte enthielt. Die Schillers kehrten 1844/45 nach Deutschland zurück.
Margaretha Naumann aus Alzenau-Bayern, Ehefrau des Hauers Johann Adam Fix. Nach Ende seiner Dienstzeit in der griechischen Armee (1837) reiste Fix nach Deutschland, um mit der 33jährigen Margaretha nach Kymi zurückzukehren (1840). Ihr fünftes Kind wurde dort 1846 geboren. Nach dem Tod ihres Mannes wurde Margaretha pensioniert und verlies wahrscheinlich Kymi, nachdem sie ihr Haus verkauft hatte.
Elisabetha Riemann aus Amt Springe-Hannover, Ehefrau des Pioniers Christian Bauer. Ihre Kinder waren Wilhelm, Emilia und Maria (12, 9 und 1 Jahre alt 1836). Elisabetha war Dienstmagd in Deutschland; in den Konsignations-Listen des Bergwerks erscheint sie als Wäscherin.
Anna Maria Schroll aus Altötting-Bayern, Ehefrau des Jakob Dhombruch. Die beiden waren die Eltern von Maria, Sophia und vielleicht Sigmund. Ab 1845 taucht Anna Maria in den Dokumenten als die Witwe J. Dhombruchs und künftige Ehefrau des Militär-Musikus Franz Giavina auf.
Apollonia Schussmann aus Lauingen-Bayern, wo sie als Dienstmagd arbeitete. Ehefrau des Knappen Christian Johann König. Die Königs zogen als Pflegetochter die fünfeinhalbjährige (1836) Cäcilia Poehl auf, deren beide Eltern in Griechenland gestorben waren. Der Aufenthalt der Familie König zu Kymi war kurz (1837-38).
In der Kolonie lebten ebenfalls um die zwanzig Kinder. Über ihr Leben, ihre Erziehung, ihren Gesundheitszustand gibt es im Archiv fast keine Information. Die Knaben durften mit zwölf Jahren in der Zeche arbeiten; in diesem Fall aber entfiel ihre Pension, wenn sie Waisen waren. Der jüngste dokumentierte Lehrling war der 17jährige (1841) Wilhelm Bauer, Sohn des Christian Bauer.
Ärztliche Versorgung
Der Staat zahlte jährlich 400 Dr für die ärztliche Versorgung des Personals in die Knappschaftskasse; 300 Dr davon waren der Lohn des Bezirks-Arztes bei Kymi, für zwei regelmäßige Besuche des Bergwerks pro Woche. Diese Summe wurde später wegen der kleinen Zahl der Kolonisten als übermäßig betrachtet und schließlich abgeschafft (1850); Arzt, Medikamente und Gnadengeld für Erkrankte (um 0,50 Dr pro Tag) wurden von da an nur aus der Knappschaftskasse bezahlt.
Der Arzt war verpflichtet, alle zum Bergwerk gehörigen Individuen, sowie deren Frauen und Kinder, in ärztliche Behandlung zu nehmen. Als Bergärzte dienten der Unterarzt Friedrich Gottlob Hormel (1834-39) und die Ärzte Peter Schimpfle (1839-43), Vital (1843-44), P. Politis (1844) und Nedig (1850).
War der Arzt abwesend, so stand der Barbier zu Verfügung, der Blutegelbehandlungen durchführte, Abfuhrmittel gab, Aderlasse vornahm und Zähne zog.
Seelsorge und Feiertage
Dogmatische Unterschiede beeinflussten kaum die Koexistenz von Orthodoxen, Katholiken und Protestanten zu Kymi und die Kolonisten nahmen ohne Schwierigkeit das religiöse Ritual ihrer neuen Heimat an.
Als die neuen ausländischen Bewohner, schon 1838 eingeschriebene Bürger der Gemeinde Kotylea, um einen Geistlichen zur Abhaltung des Gottesdienstes und zur Spendung der Sakramente baten, stellte die Synode eine Bedingung: Ihre Kinder mussten orthodox getauft werden. Es ist keine Reaktion darauf bezeugt; jedoch drückte der Kolonist Wourlisch in einem Privatbrief seinen Wunsch aus, dass seine Kinder als Protestanten erzogen werden.
Die Messe wurde am Anfang im Amtsbüro des Bergwerks gehalten. 1838/39 erklärte sich das sämtliche Bergwerkspersonal ohne Ausnahme bereit zu jeder Dienstleistung für die Erbauung einer Kapelle; diese wurde dem Hl. Johannes dem Täufer geweiht. Hier bekamen die Gläubigen den Trost der Religion, wozu sie berechtigt waren, vom orthodoxen Pfarrer, der aus der Knappschaftskasse bezahlt wurde. Eine ähnliche Information steht in Zusammenhang mit dem Besuch (1841) des protestantischen Priesters Lüth: am Sonntag hielt Lüth den Gottesdienst in einer kleinen griechischen Kapelle und kamen Protestanten, Katholiken und Griechisch-Orthodoxe.
Der meisterwartete Feiertag der Kolonie war der Geburtstag König Ottos, am 20. Mai; dazu gaben die Bergleute gerne 400 Dr aus ihrer Kasse aus. Nach der Messe mit zwei Priestern in der Hl. Johannes-Kapelle wurde nicht nur von den Bergleuten, sondern auch von den Kreis-Beamten, den Behörden und den Bauern zwei Tage lang hier gefeiert. Zu den Höhepunkten der Feier gehörte ein Zielscheibenwettkampf; zur Teilnahme waren nur diejenigen berechtigt, die zur Knappschaftskasse beitrugen. Die Erfolgreichsten gewannen verschiedene Geschenke (wie z.B. eine Uhr oder eine Bettdecke).
Holzschnitt von H. Clerget nach einer Skizze von H. Belle (Le Tour du Monde 32/1876, S. 80)
Beziehungen zu den Einheimischen
Konflikte, die auf der Verschiedenheit der Nationalität beruhten, sind nicht bezeugt; die kulturelle Unterschiede, genauso wie die religiösen, bildeten kein Hindernis für die guten Beziehungen der deutschen Einwanderer zu ihren griechischen Mitbürgern.
Zunächst kooperierten beide Seiten bei der Arbeit reibungslos. Nicht wenige Griechen aus den Dörfern der Gegend, vor allem aus Maletiani, wurden als Knappen von den kundigen neuangekommenen Bergmännern ausgebildet. Diese Lehre hatte wohl manche Schwierigkeiten; der Bergoffiziant Schiller berichtet 1839/40 folgendes, um auf den Mangel an tüchtigen Hauer hinzuweisen:
Die Griechen sind ungewöhnt, und sie gehen nie in die Grube, wenn nicht ein Deutscher, auf den sie Vertrauen haben, dabei ist. Bei dem geringsten Unfall aber, oder nur aus Furcht davon suchen sie das Weite, und es dauert längere Zeit, bis sie wieder in die Grube zu bringen sind. [...] Als vor einigen Tagen bei einer Abbau Verrichtung ein Einbruch erfolgte -welcher von den deutschen Arbeitern sofort beräumt wurde- verließen diese Arbeiter aus Furcht fast sämtlich die Grube. Es ist das dem Griechen keineswegs als Feigheit anzurechnen, denn nur Gewohnheit von frühester Jugend an macht gegen die stets drohende Gefahr in den Gruben gleichgültig, und selbst wirkliche Unglücksfälle machen auf den Bergmann wenig oder keinen Eindruck, weil er von seiner Kindheit an gewohnt ist, [...]
Die Angst der Griechen vor der Grube, zu der auch die schon erwähnten Unglücksfälle dreier Arbeiter beigetragen hatte, verschwand mit den Jahren; der Offiziant Kritzoutas bestätigt 1846, dass fast die Hälfte der Bewohner von Maletiani nunmehr tüchtige Hauer sind.
Die gemeinsamen Feste und Kirchenbesuche, die Gleichbehandlung aller Beschäftigten von den deutschen und griechischen Offizianten, schließlich auch das Fehlen von Beschwerden beweisen die friedliche Koexistenz der beiden Nationalitäten.
Epilog
Der Mangel an erfahrenen Hauern, die ungenügende Finanzierung (für Lasttiere, Werkzeuge, Maschinen), die Schwierigkeit beim Transport der Kohle wegen fehlender Straßen und nicht verfügbarer Schiffe, die hohen Kosten und die minderwärtige Qualität im Vergleich zur englischen Kohle (niedrigere Leistung, zu viel Staub), schließlich die falsche politische Verwaltung waren die Probleme, die nach 1853 zur Unterfunktion des Bergwerks und im Juni 1859 zu seiner endgültigen Schließung führten. Der folgende Brief des Knappen Wourlisch, eines der zwei letzten deutschen Bergleute, ist für den Zustand und das Schicksal der Bergwerkskolonie sehr erhellend:
Hochwürdiger Herr,
[...]
An 13. wurde die Straße und an 20. das Kohlenwerk eingestellt; was beides zusammen in diesen zwei Jahren ein hübsches Geld gekostet haben wird. Alle Arbeiter sind entlassen. [...]
An 23. ließ der Director die Mundlöcher von allen Gruben mit trockener Mauer verschließen; so daß wir nun nicht einmal reines Wasser zum Trinken haben, denn das Wasser, was unter der Mauer hervordringt, bleibt in seinen alten schmutzigen Abzugsgraben, den wir nie rein erhalten können, weil alles Vieh hineintreten und trinken kann. [...]
Wir sind nun brodlos! Nach den Bergwerks Statuten soll jeder Bergmann, wenn das Werk länger als acht Tage geschloßen ist, bestimmtes Wartegeld erhalten, und wenn dieselben ohne Vergehen, wegen Krankheit oder nach Landes gesetzlicher Dienstjahren pensioniert werden; wir noch vier geschworene Bergleute doch ist weder von Pensionierung noch Wartegeld die Rede. Was soll ich nun anfangen, sollte auch in Kurzen irgendwo ein neues Werk aufgemacht werden, so bin ich nicht mehr in Stande vor Ort als Berg- oder Zimmermann, das zu leisten, was man fordert. Denn was ich in meinem letzten Brief vermutete, hat sich bestätigt; ich habe die letzte Zeit alle Tage wieder als Zimmermann in der Grube arbeiten müßen; doch würde ich es nicht lange mehr ausgehalten haben, obgleich ich alles ohne die geringste Widerrede geleistet habe, was in meinen Kräften stand, weil ich der Meinung war, daß sobald ich nicht mehr arbeiten könnte oder meine 30 Dienstjahre vollendet, gesetzliche Ansprüche an Pension hätte. Aber leider habe ich mich sehr getäuscht, wenn nicht Sr Majestät unser besonders zwei Fremden sich annimmt.
Unsere Häuser haben wir auf alle höchste Verordnung erbaut, aber unter der Bedingung, daß wir dieselben nur an hier Arbeitende oder der Regierung verkaufen können, denn als 1851 wir unsere Häuser hatten verkaufen können, erhielten wir keine Erlaubnis, weil es eine Bergwerks-Kolonie sei. Doch hat eine hohe Regierung seitdem auf mein so oft wiederholtes Bitten, das Haus uns abzunehmen, keine Notiz genommen, sondern und brodlos gemacht! Was ich nun tun! Das Brod hat man mir genommen, das Wasser verschloßen, so haben wir nur noch die Luft frei für meine 26jährige treue Dienstzeit.
Niemand kauft uns zwei Deutschen, die wir noch übrig sind, unsere beiden Häuser ab, denn jeder sieht ein, daß wir selbst mit einer gesetzlichen Pension hier nicht leben können, und dieselben umsonst stehen lassen müßen.
Was soll ich tun, um unser Häuschen zu verwerten? Denn dann hoffe ich mit einer kleinen Pension und irgendeiner Beschäftigung, die Meinen noch einige Zeit zu ernähren.
Wohl habe ich das Ende des Werkes jahrelang vorausgesehen, denn man durch Anlegung eines zweckmäßigen Stol's, welches kaum den 1/8teil des bereits weggeworfenen hätte entgehen können, und nun eine reichhaltige Grube, mit hübschen wenn auch nicht englischen Kohlen haben. Doch wenn hier ein rechtschaffener, ehrlicher Mann was sagt, glaubt man nicht, weil man diese gar nicht hier zu Lande vermuten kann. [...]
Mich und meine arme Frau hat dieser Schlag sehr hart getroffen, meine Frau liegt wieder seit vier Tagen an Fieber, und unser Victor hat seit acht Tagen das nämliche hitzige Fieber, das unser Malchen hatte, und ich für mein Teil bin so abgeschlagen durch die Gruben-Arbeit, Sorgen und Kummer, daß ich, nur um den Tagelohne zu verdienen, mich vier Tage mit Mühe an das Meer geschlept habe, um das Schiff zu laden [...]
Unsere von uns so schon seit 22 Jahren zusammen gesammelte Kranken-, Witwen und Waisen Casse hat der Kreis-Fiskus auch übernommen, und wir als Verabschiedete haben keinen Anspruch mehr, und müßen unsere Kranken für unser Geld kurieren, was uns wohl sehr schwer fällt. Etwas anderes wäre es, wenn wir selbst fortgegangen wären, so hätten wir natürlich keinen Anspruch; allein wir sind ohne unsere Schuld entlassen.
[...]
Kohlenzeche bei Kumi, 28.6.1859
Ewig dankbarer
B. Wourlisch
Den 29., soeben ich den Brief absenden will, kommt der Mann von Limni zurück, welcher unser Alexander dahin gebracht. Er hat den Herrn Henze nicht getroffen, weil der Ort, wo man die Kohlen sucht, zwei Stunden entfernt ist, doch hat der dortige Dimarch den Knaben zu sich genommen. Auch er hat versichert, daß man schöne und viele Kohle gefunden. Ersteres weiß ich schon länger, nur letzteres kann ich nicht sagen.
So wurde das Bergwerk bei Kymi als öffentliches Unternehmen außer Betrieb gesetzt. Einige Jahre danach wurden erneut in der Gegend Privatunternehmen tätig, die bis 1962 aktiv waren. Ihre Arbeitskräfte aus den umliegenden Dörfern waren jetzt immer mehr kundige griechische Bergmänner mit anerkannter Fachkenntnis; jene alten Kolonisten hatten dazu beigetragen.
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DEUTSCHE BERGLEUTE ZU KYMI 1834-1859
Altmannsbacher, Ignatz: Bergmann aus Schorn-Rhein-Rezat, Sohn eines Obsthändlers, geboren um 1801. Pionier der griechischen Armee.
Anwandter, Johann Jakob: Hammerschmied aus Mindelheim-Oberdonau, geboren am 5.6.1808. Sein Vater war Papiermacher. Ouvrier der griechischen Armee.
Baier, Adam: 1838 als Grubenzimmerer und Schreiner angestellt.
Barth, Xaver: Schichtmeister bis 1837.
Bauer, Christian: Bergmann und Sohn eines Bergmanns, aus Wittin-Preußen, geboren um 1805. Pionier der griechischen Armee, 1837 beim Bergwerk angestellt. Verehelicht mit Elisabetha Riemann aus Hannover, wo das Paar ein Haus von 500 Thaler besaß.
Bauer, Wilhelm: Sohn von Christian Bauer, geboren um 1824. Angestellt beim Bergwerk 1841.
Beer, Thomas: er arbeitete im Straßenbau (1841).
Behringer, Michael
Bentzinger, Jakob: Steinhauer aus Teufen-Appenzell-Schweiz, Sohn eines Zimmermanns, geboren am 12.12.1809. Pionier der griechischen Armee.
Berg, Joseph: Bergmann und Sohn eines Bergmanns aus Grauerstein (?)- Westphalen, geboren um 1802. Pionier der griechischen Armee.
Bettinger, Joseph
Billner, Martin
Boeck, Martin
Brandner, Augustin: Maurer und Salinenarbeiter aus Berchtesgaden-Bayern, geboren um 1795. Er hatte früher neun Jahre im österreichischen und bayerischen Armee gedient. Pionier in Griechenland. 1837 wurde er als Knappe angestellt, 1840 bat er um Entlassung.
Brenner, Joseph: angestellt 1840, entlassen 1841.
Büchs, Joseph: aus Wipfeld-Wank-Bayern; arbeitete im Bergwerk als Taglöhner, starb 1840.
Demel/Dimel, Georg: Brunnenmacher aus Siedelsdorf-Weilheim-Bayern, Sohn eines Webers, geboren um 1794. Er diente 1812-1818 im bayerischen und als Pionier in der griechischen Armee.
Dhombruch, Jakob: Maurer und Musikus aus Geinsheim-Rheinbayern, geboren um 1783. Er wanderte 1837 mit seiner Familie nach Griechenland aus. Er arbeitete im Bergwerk als Taglöhner, starb ebenda am 24.6.1839. Ehefrau Maria Schroll.
Dhombruch, Sigmund: vielleicht Sohn von Jakob Dhombruch, Lehrling (1841).
Fidler, Michael
Fix, Johann Adam: Bergmann und Schmied aus Edelbach-Alzenau-Bayern, Sohn eines Bauers, geboren um 1798. Grenadier der griechischen Armee. Er arbeitete im Bergwerk anfänglich als Taglöhner, ab 1840 als Bergknappe. Er wurde 1844 pensioniert und 1851 getötet. Seine zweite Frau war Margaretha Naumann (erste Frau Eva Streitenberger).
Fortenbach, Karl: Unteroffizier des bayerischen Geniekorps, 1826-31 im Mineur-, Sappeur- und Baudienst in Österreich und Würzburg ausgebildet. 1832 aus dem bayerischen in den griechischen Dienst übergetreten. Hauptmann der griechischen Artillerie, erster Bergwerksoffiziant zu Kymi (1834-1836), danach Bergwerksinspektor beim Zeughaus und Referent beim Kriegsministerium. 1841 Verehelichung mit Eleni Isaia aus Syros, Tochter des Nikolo Isaias aus Smyrna, und endgültiger Übertritt in den griechischen Dienst. 1843 wegen seiner Nationalität entlassen.
Friedrich, Christian: Bergmann und Kaminfeger aus Andreasberg-Hannover, Sohn eines Bergmanns, geboren um 1804. Pionier der griechischen Armee. Entlassen 1839 wegen schlechten Benehmens.
Groenitz, Martin
Hornung, Emanuel: Bergmann aus Weiler-Würtemberg, Sohn eines Webers, geboren 7.4.1812. Pionier der griechischen Armee.
Jung, Heinrich: Bergmann aus Schanbach-Kannstadt-Würtenberg, Sohn eines Metzgers, geboren 9.2.1811. Pionier der griechischen Armee. Er wurde 1837 beim Bergwerk angestellt und ließ sich als erster Kolonist in Kymi nieder. Befördert 1837, tödlich verunglückt 1838.
Kaden, Karl Gottlob: Bergmann aus Freiberg-Erzgebirge-Sachsen, Sohn eines Fuhrmanns, geboren um 1810. Pionier der griechischen Armee. Angestellt als Knappe 1837, befördert zum Untersteiger 1838. Er bat um Entlassung wegen Augenkrankheit 1838, verblieb trotzdem im Bergwerk. Er war Zimmerer des Werks von 1840 bis 1844; danach arbeitete er in Kymi.
Klomann, Heinrich: Wagner und Bergmann aus Altleiningen-Frankental-Bayern, geboren um 1799. Sein Vater war Hammerschmied. 1822-26 diente er in der französischen Armee. Grenadier in Griechenland.
König, Johann Christoph: Kutscher und Bergknappe aus Hölzichen-Amberg-Bayern, geboren um 1798. Der Vater war auch Bergknappe. 1834 als Soldat der Fuhrwesens-Kompagnie nach Griechenland, 1837 angestellt als Knappe. 1838 bat er um Entlassung wegen gesundheitlicher Probleme. Seine Frau war Apollonia Schussmann.
Kramer, Johann: Lehrling 1841, entlassen 1841.
Kreß, Johann: 1837 als Bergschmied angestellt, nach 1851/52 aus gesundheitlichen Gründen pensioniert.
Kretschmar, Gottlob Traugott: Handlungs-Commis aus Geringswalde-Sachsen, geboren 19.11.1804. Sohn des Kirchners Johann Gottlob Kretschmar. Entlassen vom Militärdienst in Deutschland, reihte er sich 1833 als Freiwilliger in die griechische Armee ein. Er war Sergeant des 4. Linien-Infanterie-Bataillons, diente als Fourier und Actuar, dann wurde er in die Montur-Kommission versetzt; angestellt beim Bergwerk 1837 als Schichtmeister, 1839 als Haldensteiger. Seit 1841 lebte er zu Tripolis in Arkadien, 1846 ist er gestorben. Er war mit Garyfallia Kokkari verheiratet.
Krill, Johann: Bergmann und Sohn eines Bergmanns aus Imsbach-Kaiserslautern-Bayern, geboren um 1807. Freiwillig eingereiht in die griechische Armee 1833, er diente im 7., 8. und 3. Infanterie-Bataillon als Grenadier und nahm an den Gefechten in Mani teil. Nach seinem Abschied (1837) wurde er beim Bergwerk als Knappe 1. Klasse angestellt (1838) und arbeitete als solcher bis zur endgültigen Schließung des Werks. Er hatte unter den Knappen die Stelle des Knappschaftsältesten inne; diese Stelle war eine Ehrencharge, daher wurde derselbe von der Knappschaft gewählt. Den Vorschriften nach musste er ein rechtschaffener, unbescholtener Mann von den ältesten Knappen, des Lesens und Schreibens kundig sein; er konnte also im Namen seiner Kollegen als ihr Vertreter sprechen und Dokumente unterschreiben. Er war mit Maria Dhombruch verheiratet.
[Foto: Generalstaatsarchiv/Enyo]
Müller, Franz: Ingenieur-Hauptmann, Bergoffiziant 1836-37. 1840 definitiv in griechischen Dienst übergetreten und mit Anna Karagianni, Tochter des Konstantinos Karagiannis aus Mesolonghi, verehelicht.
Müller, Michael: Soldat der Arbeits-Kompagnie, arbeitete im Straßenbau 1841.
Ries, Michael: angestellt 1839, befördert vom Taglöhner zum Bergknappen 1840, bat um Entlassung 1843.
Scheibe, Alfred: 1838 angestellt als Haldensteiger, ab Januar 1839 Taglöhner.
Storch, Adam: Zimmerer (1840).
Schiller, Otto Rudolf Konrad: Bergmann aus Hasselfelde-Braunschweig-Sachsen, mit dem Hütten-Betrieb bekannt. Geboren 25.7.1813, Sohn eines Justiz-Amtmanns. 1834 wurde er seiner Militärpflichtigkeit in Deutschland entbunden. In Griechenland diente er als Sergeant der Mineur-Kompagnie, dann als Bergoffiziant zu Kymi von 1837 bis 1843. Er war 1,84 m groß, gewandt, der Bergbaukunde kundig, mit technischen Kenntnissen, ausgezeichnet guter Aufführung. Seine mit 150 Bücher von verschiedenen Autoren und Sprachen ausgestattete Bibliothek in Kymi machte einen großen Eindruck auf Christiane Lüth, die Schiller als gut aussehend, mit einer gewissen Melancholie in seinem Gesichtsausdruck beschreibt. Im Oktober 1843 wurde er entlassen, um von einem griechischen Offizier ersetzt zu werden. 1844/45 kehrte Schiller mit Ehefrau Julia Langenberg in seine Heimat zurück. 1861 war er Inspector der Münchner und Aachener Feuer-Versicherungsgesellschaft.
Sulzbeck, Franz Xaver: Bergoffiziant aus Würzburg-Untermain, Sohn eines Kaufmanns, geboren 3.3.1803. Von 1821 bis 1825 war er im Kriegsdienst als Philhellene. Als Freiwilliger diente er in der Mineur-Kompagnie. Er war mit Franziska Häußl aus Würzburg, Hebamme daselbst, verheiratet. Kinder: Heinrich Joseph, geboren um 1829. Er besaß ein Vermögen von 600 Fl.
Vetterl/Voetterll, Simon
Völkert, Kaspar: Soldat der Arbeits-Kompagnie, arbeitete im Straßenbau 1841.
Woehl, Thomas: Eisenhüttenmann und Zimmermann aus Rosenheim-Bayern, geboren um 1800. Der Vater war ein Bergknappe. Grenadier der griechischen Armee. Besaß ein Vermögen von 400 Fl.
Wourlisch, Benjamin: angestellt 1838, arbeitete als Hauer und Zimmerer bis 1859. Nach Christiane Lüth ein guter, gottesfürchtiger Mann; verheiratet mit Maria Henriette Gumpertz.
Ziegler, Lampertus: 1831 als Grubenzimmerer angestellt, 1839 bat er um Entlassung aus gesundheitlichen Gründen.
Quellen
Archivalien
Athen, Generalstaatsarchiv (GSA-CSA):
Ottonisches Archiv des Kriegsministeriums
Ottonisches Archiv des Finanzministeriums
Ottonisches Archiv der königlichen Kanzlei
Literatur
Karl Gustav Fiedler, Reise durch alle Theile des Königreiches Griechenland, B. 1, Leipzig 1840
Heinrich Nikolaus Ulrichs, Reisen und Forschungen in Griechenland, B. 2, Berlin 1863
Heinrich Nikolaus Ulrichs, Reisen und Forschungen in Griechenland, B. 2, Berlin 1863
Χριστιάνα Λυτ, Μια Δανέζα στη Αυλή του Όθωνα, Αθήνα 20113
Χριστιάνα Λυτ, Στην Αθήνα του 1847-1848, Αθήνα 1991
Χριστιάνα Λυτ, Στην Αθήνα του 1847-1848, Αθήνα 1991
Βάνα και Μίχαελ Μπούσε, Ανέκδοτες επιστολές της βασίλισσας Αμαλίας στον πατέρα της 1836-1853, τ. Α΄-Β΄, Αθήνα 2011
Βάννα Πανδή-Αγαθοκλή, Ξένοι περιηγητές και ερευνητές για την Κύμη, Κύμη 2013
♦ Herrn Kostas Karamanos danke ich herzlich für das Zusenden von Material aus seinem Archiv.

