W. Sharp (Graveur), Vergangene Tage, 1798
[via Wikimedia Commons]
Früher einmal war das Heimweh eine Krankheit; ein medizinisches Wörterbuch von 1841 definiert sie als eine durch unbefriedigte Sehnsucht nach der Heimat begründete Art von Melancholie oder Monomanie, welche eine bedeutende Zerrüttung der körperlichen Gesundheit, Entkräftung, Abzehrung, Fieber und Tod zur Folge hat. Der junge Schweizer Arzt Johannes Hofer war der Erste, der die Existenz der Krankheit aufstellte und sie mit dem von ihm erfundenen Namen Nostalgia versah.
Als besonders empfindlich auf Nostalgia galten die Soldaten, die fern von ihrem Heim oder ihrer Heimat dienten, wie z.B. die Schweizer Söldner in Europa, die französischen Soldaten während der Revolution und der napoleonischen Kriege sowie die Soldaten des amerikanischen Bürgerkriegs.
Die Krankheit äußerte sich auch unter den Bayern der ottonischen Zeit in Griechenland; genau diese unter Heimweh Leidenden sind das Thema dieses Artikels.
Als Hauptquellen wurden neben der Sekundärliteratur verwendet:
- Im 1. Teil der 1909 veröffentlichte Artikel von Joseph Schuster über die Sanitätsgeschichte des Bayerischen Hilfskorps (1832-35), das auf statistische Daten und ärztliche Berichte (vollständige Daten nur für 1833, mangelhafte für 1834-35) nach den Akten des kgl. bayerischen Kriegsarchivs zu München gründet.
- Im 2. Teil die Nostalgia betreffende Angaben, die im Ottonischen Archiv zu Athen aufgefunden wurden.
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1.
Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,
Wie liegt sie von hier so weit!
Joseph von Eichendorff, Heimweh (1826)
Bei den deutschen Soldaten und Auswanderern, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Griechenland befanden, waren alle günstige Bedingungen für das Auftreten der Nostalgia vorhanden: plötzlicher Wechsel von Land, Klima und Ernährung, strenge Militärdisziplin, körperliche und psychische Strapazen aller Art, gleichzeitig schwere Krankheiten und enttäuschte Hoffnungen. Im Land, von dem viele von ihnen als eine zweite Heimat geträumt hatten, erwartete sie ein ungewöhnlich heißes Klima, Mangel an Nahrungsmitteln und Medikamenten, schlechte Bedingungen von Kasernierung und Krankenpflege, bewaffnete Mainotten, Räuberangriffe und feindliche Griechen. Der Raum für Zukunftsoptimismus war eng und der Nährboden für Nostalgia reich.
Der erste Fall der Krankheit im bayerischen Hilfskorps wurde schon 1832, kurz nach dem Abmarsch der Truppen, bei einem Soldaten festgestellt; so wurde Nostalgia den Marscherkrankungen hinzugefügt, welche die Kolonnen trafen - darunter waren Blattern, Typhus und Krätze die ernstesten.
Bei der Ausschiffung der Bayern in Nauplion im Februar 1833 wurde der erste Todesfall durch Nostalgia registriert. Es folgte ein zweiter, des Offiziers Frankl, und drei weitere Todesfälle durch dieselbe Krankheit bis Ende des Jahres. Sechs weitere Offiziere mit Nostalgiadiagnose wurden beurlaubt und nach Hause geschickt. Das Rücktrittsgesuch des Arztes Lorenz Härtl wurde aus demselben Grund genehmigt.
Die Berichte der Ärzte des bayerischen Hilfskorps sind für die Häufigkeit der Nostalgia unter den bayerischen Soldaten sehr relevant:
- Der ärztliche Praktikant Xaver Volk informiert aus Mistra (Sept. 1833) seine Vorgesetzten über die tief eingewurzelte Nostalgie, die die Gemüter beinahe der ganzen Kompagnie, während ihres Aufenthaltes in Marathonisi beherrschte und noch dadurch erhöht wurde, daß die Kranken im Fieber vor ihrem Ende häufig von Personen und Dingen des Vaterlandes delirierten. Delirien, Halluzinationen, sogar Nachtwandeln, begleitet von Phantasiebildern von Freunden und Verwandten im Vaterland, gehörten eigentlich zu den Symptomen der Krankheit, die auch als ethisch ansteckend, wie z.B. Furcht oder Mutlosigkeit, galt.
- Aus dem Militär-Spital zu Acronauplia weist der Arzt Johann Heisler (Sept. 1833) auf ein Sehnen nach Hause, ein das meistens so hartnäckig und tiefsitzend ist, daß es jeden ärztlichen Heilplan scheitern macht. Ferner bemerkt er, dass gerade hierzulande der ledige Mann am meisten Sehnen nach seiner Heimat hat, der redliche Familienvater hingegen, der oft monatelang ohne Nachrichten von zu Hause ist, bildet die ganze Stütze des Dienstes.
- Der Unterarzt Friedrich Stadelmeyer berichtet im Dezember 1833 aus Lamia von der großen Anzahl von fieber- und influenzakranken Männer der dort dislozierten Kompanie; er fügt hinzu, dass die schlimme Wendung immer Leute traf, die an Heimweh oder sonstiger tiefer Herabstimmung des Gemüts gelitten hatten, wodurch die vis naturae medicatrix erlosch und ein Kräfteverfall eintrat.
- Ähnliches wird auch vom Regimentsarzt Thomas Fleschuez für die Periode des 4.Trimesters 1833 berichtet: die Wechselfieber- und Typhuserkrankungen zeigten einen protrahierten Verlauf, weil die Mannschaften, bevor sie von diesen Krankheiten befallen wurden, geschwächt waren. Er bemerkt weiterhin, dass bei den meisten Kranken eine totale Umstimmung des Gemüths stattfand; sie wurden melancholisch und zeigten nostalgische Anwandlungen; sogar diejenigen, die als gebildete, entschlossene, an alles gewöhnte Männer bekannt waren. Letztere Bemerkung bezieht sich auf die Ansicht, dass die Häufigkeit und die Schwere der Nostalgia umgekehrt proportional zur Zivilisationsstufe und zum Bildungsniveau der Patienten sei: der wahrhaft Gebildete hat in der ganzen Welt seine Heimat.
Die sanitätsgeschichtlichen Daten vom Jahr 1833 schließen auch zwei Selbstmorde ein. Diese Fälle sind von Bedeutung, da Nostalgia als ein primärer Grund für die Suizide unter den Soldaten galt.
H. Vernet, Der Soldat auf dem Schlachtfeld, 1818
[via Wikimedia Commons]
In den nächsten zwei Jahren (1834-35) waren Typhus, Malaria und Dysenterie die vorherrschenden Krankheiten des Hilfskorps; außerdem trat im Winter 1834 eine Zunahme der Phthisisfälle auf. Laut ärztlichen Berichten sollte diese teils der Influenza, teils der Nostalgia zugeschrieben werden, weil beide den Organismus entkräften; da Appetit- und Schlaflosigkeit begleitende Symptome der Nostalgischen waren, fielen diese Patienten einfacher anderen Krankheiten zum Opfer.
Die dramatischen Ereignisse auf Mani mit dem schmerzvollen Verlust vieler deutscher Soldaten verschlechterten die Situation im Sommer 1834; es war das schwerste Leid, das die Freiwilligen in Griechenland erfuhren, womit das schon schlimme seelische Klima in den Kasernen sich verschlimmerte.
Aufgrund des oben Erwähnten wurde die hohe Sterblichkeit der deutschen Soldaten in der Periode 1833-1835 zum großen Teil der Nostalgia zugeschrieben, die der Meinung der Ärzte nach das quasi pathognomonische (Symptom) dieser Expedition bildete.
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2.
Alles hast du, Hellas, mir genommen
Gottfried Müller, Reise eines Philhellenen (18262)
Im Ottonischen Archiv zu Athen fehlen sowohl statistische Data der Spitäler, wie auch ärztliche Berichte und die meisten Totenscheine; die Diagnosen für sämtliche Verpflegte oder Verstorbene sind also nicht vorhanden. Es wurden bis jetzt vier dokumentierte Nostalgische im Archiv lokalisiert: die Frau eines Soldaten, ein junger bayerischer Schütze, ein Schweizer Hauptmann und ein musikalischer Reiter. Sie werden im Folgenden dargestellt.
Eva Fix, geb. Streitenberger
Geboren in Alzenau/Bayern. Sie fuhr im Februar 1834 als Mitglied einer griechischen Expedition ab, nachdem ihr Ehemann Adam Fix sich in der griechischen Armee (7. Infanterie Bataillon, Voltigeur Kompagnie) eingereiht hatte - es war die größte Abteilung von Freiwilligen, die je nach Griechenland gingen, mit 1200 Männern, 80 Frauen und 50 Kindern. Eva war 24 Jahre alt. Während der Reise nach Triest erkrankte sie und musste in Kirchdorf/Österreich ärztliche Hilfe bekommen; auf dem Eintrittsbillet zum Krankenhaus wird als Krankheit die nostalgia nervosa benannt. Die Patientin wurde vier Tage lang behandelt und verpflegt. Auf dem zufällig geretteten Rechnungszettel sind die für ihre Heilung benutzten Arzneien aufgeschrieben: Mixturen, Chamillen, Senfteig. Über das Ergebnis der Therapie wissen wir leider nichts, da Evas Spur sich von hier an verliert. Wir wissen nicht, ob sie es schaffte, die Reise fortzusetzen und in Griechenland anzukommen, ob sie die Ereignisse in Mani erlebte, wo das 7. Infanterie Bataillon dezimiert wurde, ob sie ihrem Mann während seiner Dislokationen folgte. Adam erscheint jedenfalls als «verheuratheth» in den Listen, wenigstens bis Anfang 1836, und ansässig zu Kymi auf Euböa, wo eine deutsche Militärkolonie den Betrieb des dort neuerrichteten Kohlebergwerks übernommen hatte. Doch angesichts der Tatsache, dass derselbe im Dezember 1837 entlassen wurde und allein nach Deutschland reiste, um drei Jahre später mit einer neuen Ehefrau nach Kymi zurückzukommen, lässt vermuten, dass Griechenland wahrscheinlich keine glückliche Wende in Evas Leben war.
Adam und die zweite Ehefrau Margaretha lebten 1845 in Kymi und hatten eine 7-köpfige Familie. Adam wurde 1852 von Räubern getötet.
Foto: Generalstaatsarchiv/Enyo
Gustav Karl Feindl
Aus Zweibrücken/Bayern, trotzdem evangelischen Glaubens. Freiwilliger Soldat der griechischen Armee, seit Oktober 1834 ein Schütze des 7. Infanterie Bataillons. In den Archivalien wird er als groß und schlank, mit hellbraunem Haar und Bart, blauen Augen, hoher Stirn und gesunder Gesichtsfarbe beschrieben. Im März 1835 wurde er ins Krankenhaus zu Akronauplia eingeliefert, wo die Ärzte die Diagnose Nervenfieber mit Heimwehe stellten - eine gewöhnliche Kombination, denn Nostalgia wurde in der Pathologie des 19. Jahrhunderts als Ursache des tödlichen Nerven-Marasmus betrachtet. Gustav Karl starb am 30. März abends, er war 24 Jahre alt.
Foto: Generalstaatsarchiv/Enyo
Friedrich Trachsler
Aus Zürich, evangelisch. Vom 29. März bis 12. April 1834 marschierte er über Tirol nach Triest, den 28. Mai ist er zu Gytheion als Hauptmann der 4. Kompagnie des 7. Linieninfanterie-Bataillons ausgeschifft. Er muss 1834 an den Gefechten in Mani teilgenommen haben. Friedrich war dunkelhaarig, mit gesunder Farbe und von starkem Körperbau. Er wurde im Krankenhaus zu Nauplion vom 19. Januar bis zu seinem Tod am 17. März 1835 behandelt. Die Diagnose lautete: Nostalgia. Er war 30 Jahre alt.
Foto: Generalstaatsarchiv/Enyo
Karl Sedlmayer
Geboren 1806 in München. Sein Vater war Hofsänger in Bayern, er selbst war auch Musikus. Seit Juni 1833 diente er freiwillig in der griechischen Armee als Ulan (Lanzenreiter). Schon Anfang 1835 musste er dreimal im Krankenhaus behandelt werden. Im Winter 1835-36 befand sich die 5. Escadron, der er angehörte, in der Garnison zu Lamia. Diese unsichere Gegend wurde damals von Räubern so stark heimgesucht, dass der Mannschaft zur Folge der steten Marschbereitschaft eine Zulage extra verrechnet wurde. Ein Teil der Escadron, 44 Mann, nahmen am Gefecht gegen die Räuber zu Echinos im Februar 1836 teil. Karl war nicht dabei. Er starb am 3 März 1836 im Krankenhaus zu Lamia an Phthisis universalis cum nostalgia.
Monturbuch und Totenschein von Karl Sedlmayer
(Foto: Generalstaatsarchiv/Enyo)
Zwischen Gedächtnis und Phantasie
- Die deutschen Soldaten und Einwanderer des 19. Jahrhunderts in Griechenland waren von der Nostalgia nicht ausgenommen. Die Krankheit befiel sie ebenso wie z.B. die Franzosen in Algerien zur selben Zeit. Auch auf griechischem Boden äußerte sich Nostalgia unter ähnlich traumatischen Verhältnissen, mit gleichen Symptomen und gleicher Schwere. Sie befiel die Betroffenen entweder direkt als primäre Krankheit oder indirekt, wenn sie ihre Heilung von anderen Krankheiten erschwerte.
- Die meisten Nostalgia-Diagnosen gehören zur Periode der ersten griechischen Expedition (1833-1835). Nostalgische Patienten gab es auch nach 1835, wahrscheinlich aber hat die allmähliche Verbesserung der Lebensbedingungen ihre Zahl verringert.
- Zum Opfer fielen der Nostalgia sowohl die Kommandierten von 1832-33, wie auch die Freiwilligen, die sie ersetzten. Frauen sowie Männer, Offiziere sowie Gemeine, Gebildete sowie Ungebildete.
- Im Ottonischen Archiv sind bis jetzt auch zehn Selbstmorde dokumentiert - ihnen wird ein künftiger Artikel gewidmet. Wie schon erwähnt, hingen Nostalgia und Selbstmord eng zusammen.
Nostalgia war weder die häufigste noch die tödlichste der Krankheiten, welche die Deutschen im ottonischen Griechenland befielen, sie ist aber in vieler Hinsicht die interessanteste. Mit ihrer heutigen erweiterten Bedeutung eines Wunsches nach einer gleichzeitig idealisierten Vergangenheit und einer phantastischen Zukunft, drückt sie fast jeden Menschen aus. Unter diesem Aspekt betrachtet sind die deutschen Soldaten, die einen glücklicheren Zustand ins Gedächtnis zurückriefen und zugleich den Übergang zu ihm erwarteten, uns sehr nah.
A. Böcklin, Die Heimkehr, 1887
[via Wikimedia Commons]
Quellen
Archivalien
Athen, Generalstaatsarchiv (GSA-CSA): Ottonisches Archiv des Kriegsministeriums, Abt. Milit. Buchhandlung
Athen, Generalstaatsarchiv (GSA-CSA): Ottonisches Archiv der königlichen Kanzlei, Abt. Personalia
Literatur (Auswahl)
Joseph Schuster, Die Expedition des bayerischen Hilfskorps nach Griechenland 1832-1835 in sanitätsgeschichtlicher Hinsicht, in: Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte, 54 (1909) 3. Heft, S.325-363.

